Zum Schulbeginn
FAZ vom 26.08.07
Zum Schulbeginn
26. August 2007
Die Bilanz der soeben zu Ende gehenden Sommerferien ergibt sich für Lehrer und Schulkinder wie folgt. Vorgeschlagen wurden: Die Vereinheitlichung der Schulbücher im ganzen Land (Annette Schavan, CDU). Ein bundesweites Zentralabitur (dieselbe sowie Günther Oettinger, CDU, und Siegfried Schneider, CSU). Die Reduktion der Schulstunden im Bereich der Gymnasien (Jürgen Schreier, CDU). Freiwilliger Samstagsunterricht (Barbara Sommer, CDU). Die Kürzung der Schulferien (Joachim Hermann, CSU). Das Reformfieber hält sich also weiter auf hohen Temperaturen. An welchen Stellschrauben ist in den vergangenen vierzig Jahren nicht gedreht worden! Ob es während dieser Zeit auch nur fünf aufeinanderfolgende Jahrgänge in einem Bundesland gegeben hat, die unter denselben schulischen Bedingungen erzogen wurden, ist zweifelhaft. Um nur aus der privaten Erinnerung ein paar Innovationen aufzurufen: Mit und ohne Förderstufe, die ersten beiden Jahrgangsklassen im Verbund oder getrennt in Abfolge, ohne Wahlmöglichkeiten in den letzten Klassen vor dem Abitur, mit solchen Möglichkeiten, mit eingeschränkten Möglichkeiten und mit Wahlpflichtfächern, Sport als Nebenfach, dann als Leistungskurs, äquivalent zu Mathematik oder Deutsch. Das Ganze mit Noten oder Punkten, mit oder ohne Kopfnoten, mal ohne Überprüfung von Standards, dann wieder mit Vergleichsarbeiten. Das Ganze halbtägig, ganztägig, halbganztägig. Erst mit Musik und Kunst, dann Musik oder Kunst, dann Musik und Kunst abwechselnd. Unterricht nachmittags, samstags oder jeden zweiten Samstag. Mit Schulbüchern, mit Arbeitsblättern und Schulbüchern, mit Arbeitsblättern anstelle von Schulbüchern, mit Pflichtlektüre, ohne Pflichtlektüre, mit Wahlpflichtlektüre oder mit "Faust" als Zwangslektüre. Neun Klassen bis zum Abitur, dann für Begabte achteinhalb Klassen, dann wieder für alle neun, jetzt wiederum für alle acht, dafür aber mit unterrichtsgarantierendem Personal ohne Ausbildung oder nur mit Kurzausbildung. Zu dieser Liste kommen noch die sich viel schneller ändernden Vorstellungen der Pädagogen, was eine gute Schulstunde ausmacht: Frontalunterricht und Gruppenarbeit, Sprachlabor und Projektwoche, mal mit, mal ohne Hausaufgaben, mal mit, mal ohne Mengenlehre, mal mit, mal ohne Drannehmen. Kurz: Was überhaupt reformiert, das heißt: geändert werden kann, das wird auch irgendwann und irgendwo einmal unter einem Riesenaufgebot rationalster Gründe geändert. Und wenn es geändert wurde, wird es mit Sicherheit kurz darauf wieder zurückgenommen. Und was nicht geändert wird, darüber wird jedenfalls eine Reformdiskussion geführt. Das Ergebnis ist nicht eine bessere Schule. Das Ergebnis sind vor allem zermürbte Lehrer und nervös gemachte Eltern. Die beste Reform wäre darum, ein paar Jahre mit Reformen aufzuhören und alles so zu lassen, wie es gerade ist - und Kinder wie Lehrer in Ruhe. kau
Text: F.A.Z., 27.08.2007, Nr. 198 / Seite 33


